Diary

1:4 ist auch gewonnen.

01.02.2017 von S.

Allerdings hatten wir über Adoption oder Pflegeelternschaft von Anfang an in unserer Beziehung ebenso gesprochen. Wir haben uns gesagt: Um die Dinge nacheinander anzugehen sind wir vielleicht ein paar Jährchen zu alt, wir steuern da jetzt nicht blind lang, sondern gestalten das aktiv. Ganz nach dem Motto:Man bereut nur die Dinge, die man nicht getan hat. Zumindest sind wir beide so gestrickt. Und so starteten wir das ganze Programm.  
Außer einem nicht so großartigen Spermiogramm und meiner Schilddrüsenerkrankung konnten die Ärzte keinen wirklich ernsthaften Hinderungsgrund für ein erfolgreiche Schwangerschaft finden. Dann folgten Inseminationen, eine erste Schwangerschaft, die ihr Ende in der 9. Woche auf natürlichem Weg fand. Dann wechselten wir die Klinik, weil ich mich mit den ständig in Schichten wechselnden Ärzten nicht wohl fühlte. 

Im neuen Kinderwunschzentrum war es einfacher ein Vertrauensverhältnis zu den Ärztinnen aufzubauen, denn dort gab es nur drei – da konnte ich mir dann sogar die Namen merken. Wir legten den nächsten Gang ein: ICSI-Behandlung. Parallel ging ich zur Akupunktur, nahm Vitamine und ernährte mich so gesund wie möglich. Alkohol gab es schon lange nicht mehr. Das hieß, es wird nichts mehr dem Zufall überlassen. Die Produktion und Reifung der Eizellen wird hormonell unterstützt. Nach der Entnahme erfolgt die Befruchtung jeder einzelnen Eizelle unterm Mikroskop. Ich fand den Gedanken daran immer schön, dass das ein Biologe oder eine Biologin machen, kein Arzt. Der Job passt irgendwie gut zu Biologen. Nach zwei, manchmal drei Tagen im Brutschrank werden befruchtete Zellen in die Gebärmutter transferiert. Noch eine Einnistungsspritze oben drauf (natürlich selbst verabreicht), dann heißt es warten und hoffen. In der neuen Klinik gab es dann einen ersten kurzen Jubel Ende 2014, doch es war ein Windei. Ein Ei, dass sich zwar in der Gebärmutter einnistet, aber leer ist. Ich wurde langsam ungeduldig und mein Körper durch die Behandlungen immer angespannter. Es gab kaum noch eine Stelle an der die Spritzen nicht schon beim dran denken weh taten. Diese Wochen zwischen schmerzenden Eileitern, Hoffen und Bangen ob es geklappt haben kann zehrten an allen Nervenenden. Ich war einfach nur noch unendlich müde. 

Nach dem Windei folgte die ambulante Ausschabung, ein unwürdiges Ereignis. Doch nach der nächtlichen Fehlgeburt in der 9. Woche im Jahr zuvor, die ich bewusst allein mit mir zu Hause ausgemacht hatte und die einer Mini-Geburt glich, traute ich mir die Warterei auf den natürlichen Abgang nicht noch einmal zu. Das mag hart klingen, aber ich spürte, dass mein Körper und meine  Seele litten und wollte das Erlebnis schnell hinter mir lassen. Hinzu kam unsere Hochzeit im Dezember 2014, die wir im Ausland geplant hatten. Den Moment wollte ich mir nicht kaputtmachen. Also einen Tag Krankenhaus, dann kurz das Krönchen richten und weiter gings. 

Mit ganz viel Honeymoon aber ohne große Hoffnung im Gepäck wagten wir im Frühjahr 2015 die nächste Behandlung. Die Ärzte sind ja sonst nicht esotherisch, aber an Ostern glauben sie. Wie wir erfahren durften zu Recht. Der x-te ICSI-Versuch klappte und im Dezember 2015 hielten wir unseren Sohn im Arm. Unser ganz persönliches Wunder. Die Geburt verlief für mich traumatisch. Alles, was ich mir an Glückseeligkeit für meine schmerzvolle aber heldenhafte Niederkunft ausgemalt hatte, blieb aus. 11 Stunden Wehen ohne große Fortschritte, PDA, Nabelschnur um den Hals und am Ende kam die Saugglocke, weil er keinen guten Herzschlag mehr hatte. Doch wir hatten es geschafft – wir haben unser Wunschkind! Und das ist das Wichtigste und Schönste für mich! 

Trotz aller Mamafreuden merkte ich erst dann, wie gestresst mein Körper von den hinter uns liegenden Jahren wirklich war. Mein Mann steht auf schlank, doch selbst er sah, dass ich schon ungefähr drei Monate nach der Geburt nichts mehr zuzusetzen hatte. Und das erste Jahr mit Kind – ich muss es keiner Mutter erzählen, aber es ist hart! Schlafentzug, neue Konstellation, raus aus dem Job rein in die Mutterrolle. Das reicht an sich schon, aber wir sind währenddessen auch noch umgezogen, hatten einen jungen Hund und ich hatte kurz vor der Schwangerschaft einen eneuen Job angefangen. Da war dann trotz Wunschkind kein Puffer mehr. Eigentlich hatte unsere Kinderwunsch-Ärztin uns geraten nicht lange zu warten, wenn wir noch ein zweites wollen, doch ich konnte einfach nicht mehr. Ein gutes halbes Jahr nach der Geburt übernahm mein Mann die Elternzeit und ich ging wieder arbeiten. Ich bin jetzt eine FTWM – eine Fulltime Working Mum -die mit Ehe, Job und Kind vollends ausgelastet und oft unzufrieden mit sich selbst und den begrenzten Stunden am Tag ist. An ein zweites Kind haben wir zwar schon auch gedacht, aber mir war klar, dass ich erst wieder irgendwie Kraft tanken muss, um in eine neue Runde zu starten.

Und dann einfach so halte ich kurz nach Neujahr einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Und genauso schnell ist es wieder vorbei. So schnell kommen Kopf und Seele gar nicht hinterher, auch nicht, wenn man Anfang 40 ist. Und doch weiß ich, dass ich unseren Sohn gern mit einem Geschwisterkind aufwachsen sehen möchte. Heute ist nicht der Tag, um einen erneuten Versuch zu starten, aber vielleicht in ein paar Monaten.

Vielleicht will ich zu viel und vielleicht klappt es auch nicht noch einmal. Es wird auch der Tag kommen, an dem ich bewusst sage: Wir haben ein großartiges Kind und wir werden kein zweites bekommen. Auch das wird für mich in Ordnung sein. Doch dieser Tag ist auch noch nicht heute. 

Kommentare:

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Anzahl bisheriger Kommentare: 3

Annalena
web:
07.02.2017
09:58:00
Meine Hochachtung und meinen Respekt hast du, liebe S. Danke für deine Offenheit!
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J.
web:
07.02.2017
10:48:00
Danke dafür. Ich habe auch mich und meine Geschichte darin wiedergefunden. Auch ist es mir ein kleiner Trost nicht alleine damit zu sein. Alles Gute für dich und deine Familie.
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Anne K.
web:
07.02.2017
19:46:00
Puh. Bei uns hat es nach 3 künstlichen Befruchtungen geklappt.Niemand kann das Prozedere, die Gefühle ermessen. Nochmal schaffe ich das nicht. Ich bin mehr als dankbar ein gesundes Kind zu haben.
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