Diary

Einmal über den großen Teich.

06.02.2017 von Henrice Senf

Fühlt ihr euch gut angekommen? Habt ihr schon viele Bekanntschaften gemacht und wie ist das Miteinander?
Nun was unser Sozialleben anbelangt, sind wir hier nicht gerade ins kalte Wasser gesprungen. Die meisten unserer amerikanischen/kanadischen Freunde wohnen in Boston oder Umgebung.  Einige Freunde kennt Dieter schon seit den frühen 1980er Jahren. Manche sind wie Familie für uns, wie z.B. Aljas Patenonkel und Hannahs Patentante. Insofern haben wir uns nicht großartig angestrengt neue Leute kennenzulernen, sondern haben die Zeit genutzt unsere Freunde hier so oft zu sehen wie möglich. Denn wenn wir erst wieder in Berlin sind, können Jahre vergehen bis wir sie wieder sehen. Außerdem haben wir einen riesigen Glückstreffer mit unseren Nachbarn gelandet. Nicht nur haben sich, wie schon erwähnt, deren zweieinhalbjährige Tochter Oona und Alja gleich super verstanden, die beiden Eltern, Bryan und Erica, sind die liebsten, entspanntesten,  unkompliziertesten Nachbarn, die sich mensch nur wünschen kann. Mit ihnen fühlt sich das Leben hier ein bisschen wie in einer WG an. Ihre Wohnung ist immer offen, wann immer wir etwas brauchen, können wir einfach in ihre Wohnung spazieren und es uns holen, egal ob sie da sind oder nicht. Gleiches gilt für ihre Autos. Das ist wohl die größte Erleichterung für unser Alltagsleben hier insbesondere jetzt im Winter. Für’s Einkaufen ist es wirklich unendlich viel praktischer und angenehmer mit dem Auto zu fahren! Darüber hinaus wurden wir auch in die größere Familie integriert und waren vor Weihnachten zu einer der verrücktesten Xmas-Parties eingeladen. Wir hoffen sehr, dass die vier uns noch in diesem Sommer in Berlin besuchen kommen und vielleicht sogar auch mal ein halbes Jahr oder Jahr nach Berlin kommen. Erica stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie. Ihr Großvater mütterlicherseits war in den 1930er Jahren Professor an der Uni Frankfurt. Ist dann aber über England nach USA ausgewandert bzw. geflüchtet. Und Bryan ist Ire. Beide haben lange in UK gelebt, aber auch in Spanien und Lateinamerika.

Kannst du wie erhofft vor Ort arbeiten? Wie sieht das genau aus?
Auf jeden Fall hatte ich genügend Zeit für mich. Mittlerweile geht Alja von 9:30 bis 17 Uhr in die Kita. In den ersten Wochen habe ich diese Zeit ganz für mich gebraucht: Spazieren, walken, Yoga, lesen, Kaffeetrinken, Wäschewaschen, abwaschen etc. Die letzten zwei Jahre waren eine ziemlicher Kraftakt für mich: Promotion, Teilzeitjob, Kind, Familie, Beziehung….Ich brauchte dringend eine Auszeit.
Nach einigen Wochen habe ich dann aber schon wieder angefangen etwas zu arbeiten, d.h. v.a. mich auf die Verteidigung meiner Doktorarbeit vorbereiten und zwar durch viel lesen. Glücklicherweise konnte ich über Dieter eine Bibliothekskarte für die Harvard library bekommen, hatte also Zugang zu aller Literatur, die ich brauchte. Insgesamt habe ich es aber sehr ruhig angehen lassen, mich nicht unter Druck gesetzt und die Monate eher als eine wohlverdiente Auszeit genossen.  Nach Aljas Geburt habe ich ja schon nach vier Monaten wieder angefangen zu arbeiten, wenn auch auf niedrigem Niveau. Als sie sieben Monate alt war, bin ich schon wieder ganztags aus dem Haus gegangen. Hier habe ich sie dann in den ersten 1,5 bis 2 Monaten immer schon direkt nach dem Mittagsschlaf abgeholt. Wir haben also auch noch etwas Mama-Tochter-Zeit nachgeholt.
 
Welche Bedeutung wird Kindern hier zugemessen? Ist man ähnlich fixiert auf möglichst frühe Bildung, Förderung, Rundumbetreuung?
Ja, ich denke im Großen und Ganzen ist das hier ziemlich genauso wie in Deutschlands „educated middle class“. Ein großer Unterschied ist aber, dass es hier weder bezahlten Mutterschutz, -schaftsurlaub, noch Elternzeit gibt. Die meisten Mütter gehen hier schon wenige Wochen nach der Geburt wieder arbeiten. Erst in den höheren Einkommensklassen und bei Paaren mit ausgeprägt traditioneller Rollenaufteilung bleiben die Mütter dann auch längerfristig zuhause und gehen nicht arbeiten. Sicher ist es für viele Mütter in den USA nicht leicht ihre Kinder schon früh abgeben zu müssen. Andererseits ist es aber auch in gewisserweise normal und die Mütter werden nicht per sé von der Gesellschaft als Rabenmütter abgestraft. Die Mutterrolle ist in Deutschland meiner Meinung doch viel stärker ideologisch aufgeladen. Das finde ich hier eher entspannt.

Was vermisst du am meisten?
Meine Freundinnen und mittlerweile die eher großstädtische Atmosphäre direkt vor der Haustür in der Düsseldorfer Straße. Um das zu haben, müssen wir hier erst mit der U-Bahn nach downtown fahren.

Was vermisst Alja am meisten?
Zitat Alja: „Meine Berliner Kinder.“ Auf Nachfrage heute Morgen.

Wie kommt  Alja mit der neuen Sprache zurecht?
Dazu habe ich ja weiter oben schon ein bisschen was gesagt. Insgesamt ist das Fazit super positiv. Es war und ist für mich wunderbar zuzuschauen wie sie von Woche zu Woche mehr aufsaugt und mehr und mehr Wörter auch aktiv verwendet. Klar macht sie noch Fehler. Aber das ist egal. Kinder lernen Sprachen ganz anders; sehr unkompliziert und spielerisch. Viele unserer Freunde und auch Hannah waren erstaunt und beeindruckt wie sie innerhalb kürzester Zeit ganz altersentsprechend Konversation in Englisch betreiben kann. Erst sagte sie gar nichts und beim nächsten Mal redete sie in kompletten Sätzen. Faszinierend und wunderbar!
 
Noch seid ihr 2 Monate hier. Was hat dieser Umzug auf Zeit jetzt schon mit euch gemacht/in euch bewirkt?
Vor allem ist klar: Wir können das. Es ist bereichernd. Alja ist ein wunderbar unkompliziertes Kind, das gern reist!

Würdet ihr es wieder tun?
JA!

Wie hat die Wahl von Trump euer Dasein in Amerika bisher beeinflusst? Welche Reaktionen auf die Wahl habt ihr in eurem Bekanntenkreis vor Ort?
Es ist beängstigend in vielerlei Hinsicht. Seine Wahl hat mir bewiesen, dass ich in einer Blase lebe. Noch am Wahltag habe ich zu Erica voller Überzeugung gesagt, dass der nie im Leben gewinnen wird… Den Wahlabend haben wir bei Freunden verbracht. Ich habe ein Thai Curry gekocht und wir alle sahen einer entspannten Wahlnacht entgegen. Gegen 10 Uhr war klar, dass dem nicht so sein würde. Ich habe viel Wein getrunken, bin ins Bett gegangen bevor es klar war. Es war eine schreckliche Nacht. Alle haben schlecht oder fast gar nicht geschlafen. Für unsere Freunde hier ist es natürlich viel schlimmer als für uns. Einige waren im Wahlkampf aktiv. Viele waren zunächst Bernie Sanders Anhänger, haben dann aber doch auch die Clinton unterstützt. Am Tag nach der Wahl waren wir in Cambridge unterwegs. Die Stimmung war gespenstisch. Wo wir auch hinschauten, die Menschen waren wirklich schockiert und wie gelähmt. In der Schule, in der unsere Nachbarin Lehrerin ist, haben fast alle SchülerInnen Rotz und Wasser geheult am Tag nach der Wahl. Die meisten dort sind Blacks und Hispanics. Auch wenn wir nun bald wieder in Deutschland sind, fühle ich mich betroffen. Trump kann viel kaputt machen international, innenpolitisch ist es jetzt schon klar, dass er vielen, sehr vielen schaden wird. Aber in Europa haben wir uns ähnlichen Strömungen zu stellen: Brexit, FN, AfD. Wir alle müssen uns nun engagieren: gewerkschaftlich, ehrenamtlich gesellschaftlich, politisch. Deshalb freut es mich besonders, dass auch in London so viele Menschen auf die Straße gegangen sind. Das wir das in Deutschland auch können, haben die anti-TTIP-Demos gezeigt.

 
Du warst beim Women`s March dabei. Beschreib mal, wie lief es ab, wie war die Stimmung und dein Gefühl dabei?
Der Women’s March war ja schon wenige Tage nach der Wahl im Gespräch. Im November und Dezember habe ich mich mit Freunden darüber unterhalten, ob ich denn überhaupt das Recht hätte, es legitim ist als nicht-Amerikanerin daran teilzunehmen. Jetzt wundere ich mich, dass ich mich das überhaupt gefragt habe. Wofür die vielen hunderttausend Menschen – eben nicht nur Frauen – am Samstag auf die Straße gegangen sind, das sind universale Rechte und Anliegen!
Letztlich habe ich mich dagegen entschieden nach Washington zu fahren. Aber ja ich war hier in Boston dabei und es war einzigartig! Stundenlang kann ich mir die Bilder und Berichterstattung dazu anschauen. Die Menschen sind so engagiert, empathisch und kreativ! Nun wünsche und hoffe ich, dass die Amerikaner es nicht bei dieser einen großen Aktion belassen, sondern weitermachen, sich organisieren und auch der Welt weiterhin zeigen, dass sie die USA nicht den Trump-Unterstützern überlassen. Außerdem brauchen wir die internationale/transnationale Solidarität.

Auf was freut ihr euch am meisten, wenn ihr zurück in Berlin seid?
Unser Bett;-)

Wird Alja wieder in ihre alte Kita zurück können, wie ist das geregelt?
Ja, Alja kann wieder in die alter Kita, allerdings erst ab August. Das war für mich ja noch vor unserer Abreise die absolute Horrorvorstellung, dass sie dann zwischendurch noch in eine andere Kita muss. Mittlerweile sehe ich das entspannt. Alja wird auch das meistern. Sie geht dann für eine Weile in eine bilinguale Kita am Lützowplatz. Den Platz haben wir über Dieters Arbeitgeber bekommen. Im Wissenschaftsbereich kommt es ja recht häufig vor, dass Eltern mit Kindern für ein halbes oder Jahr wo anders eine Kita brauchen. Außerdem kann Alja mit ihren engsten FreundInnen auch außerhalb der Kita spielen! Erste sleep overs sind ja jetzt schon in Planung;-)

Habt ihr einen typisch amerikanischen Spruch/ein Ritual, das euch von nun an begleitet?
Unser liebstes amerikanisches Fest ist Thanksgiving. Aber das haben wir auch vor unserem Aufenthalt hier schon jedes Jahr in Berlin gefeiert.  Wir lieben gutes Essen und Geselligkeit. Das bringt Thanksgiving zusammen. Es geht nicht um Geschenke, sondern darum einen schönen Abend mit lieben Menschen zu verbringen und dankbar zu sein für das, was wir haben!
Alja sagt jetzt gern: „See you later aligator.“ Worauf jemand antworten muss: „In a while crocodile.“
 

 

Kommentare:

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Anzahl bisheriger Kommentare: 3

Diana
web:
07.02.2017
09:45:00
Tolles Interview.
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Louisa
web:
07.02.2017
09:50:00
Vielen Dank für das tolle Interview, das einen umfassenden Einblick in die für die ganze Familie so spannende Zeit gibt. Man bekommt gleich Lust die Koffer zu packen und die Welt zu erkunden! Wir freuen uns schon auf die Rückkehr von Alma und ihren Eltern! Bis dahin, passt gut auf euch auf und geniesst die Zeit! See you later, aligator!
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Steffi
web:
08.02.2017
12:57:00
Ein spannender Einblick in das Leben über den großen Teich. Sicher ist es vor allem für die kleine Tochter eine enorme Bereicherung für ihre Entwicklung, nicht nur sprachlich. Ich staune immer wieder, was junge Familien sich so trauen. Toll.
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